live von der „Benvenuto Brunello”

Meine Frau Renate und ich recherchierten und arbeiteten die letzten fünf Tage in Montalcino an meinem Roman „Brunello, Sex & Rock`n Roll”.

Bei strahlend blauem Himmel und 16° standen hier bereits die Pfirsiche und die Mandeln in der Vollblüte und die Präsentation des Brunello „Annata” 2011 und des Riserva 2010 im Rahmen der „Benvenuto Brunello” ist erfolgeich über die Bühne (oder besser durchs Museum) gegangen!

Die Reise war sehr ereignis- und aufschlussreich, voller Überraschungen und ich gebe hier einen kleinen Überblick:

Wir sind am Donnerstag nach unserer Ankunft auf „CIACCI PICCOLOMINI D`ARAGONA” zu einer Verkostung und einem Interview mit Paolo Bianchini geladen gewesen, der Brunello 2011 des Top-Weinguts war ein Traum und das Gespräch mit Paolo wirklich sehr herzlich und freundschaftlich. Danach gings zu Ettore und Enrica auf SESTA DI SOPRA, nur einen km weiter gelegen. Ich stehe mit Ettore schon länger in Verbindung und die Begrüßung war dementsprechend emotional. Das alte Ehepaar (Ettore ist 84) ist zum abbusseln süß, und der ehemalige leitende Banker hat es geschafft, auf seinem Ruhesitz im Süden Montalcinos bereits dreimal zu den besten 100 Winzern der Welt gekürt zu werden. Seine Brunello sind gesuchte Schätze, erzeugt er doch nur knapp über 3.000 Flaschen, ja und auch sein 2011-er war wunderbar. Im kleinen Keller bekamen wir dann eine unglaubliche Fassprobe vom 2015-er, der (laut allen Winzern hier) die ganz große Überraschung in Montalcino werden könnte!

Am Freitag morgen folgte um 10.00 die exclusive Verkostung bei der Familie Biondi Santi auf der TENUTA GREPPO quasi der Wiege des Brunello. Wir wurden durch den ganzen Betrieb geführt, durften die legendären 100 Jahre alten Botti ebenso bestaunen wie den Citroen-S-Maserati des verstorbenen Franco Biondi Santi und danach bekamen wir die gut belüfteten Weine präsentiert, einen Rosso 2012, den Annata 2011 und den Riserva 2010, sowie einen Sassoalloro 2010, das Flagschiff des modernen Zweitweinguts. Alle vier Weine waren einfach zum niederknien! Das Interview mit Jacopo Biondi Santi haben wir kurzfistig auf den August verschoben, um nicht unseren nächsten Termin auf ALTESINO zu versäumen, wo wir pünktlich um 11.00 ankamen.
Hier auf einem meiner Lieblingsweingüter gab es eine interesannte Führung mit dem P.R.-Chef des Hauses Lorenzo Gucci (ja - DIE Guccis) durch die komplett neu erbauten gigantischen Keller-Hallen. Dann wurden wir in den Verkostraum geführt, wo bereits Rosso 2014, Annata 2011, Montosoli 2011 und Riserva 2010 belüftet wurden. Und dann kam „SIE” - Elisabetta Gnudi, die große Dame des Brunello! Die ehemalige Filmproduzentin und ehemalige Besitzerin eines riesigen Pharma-Konzerns erwarb in den 1990ern das dahindümpelnde große Weingut CAPARZO, krempelte den Betrieb völlig um und machte es mit einem riesigen Investment zu einem der Leitbetriebe Montalcinos. 2002 kaufte sie ALTESINO und modernisierte es ebenfalls. Elisabetta besitzt auch einen wunderschönen Betrieb im Chianti und eine sehr große Fattoria in der Maremma.
Das Interview wurde zu einem sehr lustigen und freundschaftlichen Gespräch, bei dem die Brunello-Diva ihr Herz öffnete.

Um 13.00 ging es dann ins Herz des mittelalterlichen Berg-Städtchens zur „Benvenuto” wo über 200 Weine zur Verkostung und ein herrliches Buffet warteten. Auch hier trafen wir viele bekannte Gesichter, führten ein Interview mit dem jungen Star-Winzer Francesco Ripaccioli, auf dessen CANALICCHIO DI SOPRA wir auch unser traumhaftes Appartement hatten, plauderten mit Andrea Machetti, der MASTROJANNI an die Spitze Montalcinos führte, und versuchten dazwischen immer wieder interessante Brunellos zu verkosten.

Und JA - es gibt sie noch immer - die WUNDER! Nach Verkostungen von Kanonen wie POGGIO DI SOTTO oder SALVIONI standen wir vor einer bescheidenen Dame, die kein Englisch sprach und schüchtern hinter ihren Brunellos stand. Wir kosteten ihren 2011-er und den Riserva 2010 und waren sehr begeistert. Dann nahm diese Dame einen Stift zur Hand und notierte die Preise  in die Broschüre ihres Betriebs ... für den wunderschönen Brunello 2011 stand da 12.-- und für den wirklich fetten Riserva 2010 notierte sie 15.--!!! Und ja - ich verrate den Namen ihres noch sehr bäuerlichen, schlichten Weinguts, es heisst PIAN DELLE QUERCI, ist in keinem Weinführer gelistet, wird von keinen Parkers und Sucklings gepunktet, und macht dennoch wunderbare Brunellos!

Nach dem ausgiebigen Frühstück in unserer Unterkunft Borgo Canalicchio di Sopra ging es am Samstag schnurstracks zur „Benvenuto” wo wir zum „Einstieg” wieder ca 15 Weine verkosteten. Um 12.00 war es dann soweit, wir hatten IHN bereits seit einigen Minuten im Raum ausgemacht, naja, einen Mann mit dieser Ausstrahlung kann auch wirklich niemand übersehen. Am Tisch von COL D`ORCIA wartete Graf Francesco Marone Cinzano auf uns. Der „Conte” begrüßte meine Frau standesgemäß mit Handkuss und als wir uns zu dritt, der Graf voran, langsam Richtung Ausgang aufmachten „ging die Gasse auf” - wie wir in Österreich so schön sagen. In seinem Range Rover schwebten wir Richtung Süden und wir hatten genug Zeit uns gegenseitig „abzutasten”. Er begann mit der Familiengeschichte der Cinzanos und wie sie nach Monatlcino kamen und ich versuchte ihm mein Buch näher zu bringen. Irgendwie muß es auch bei ihm „gegriffen” haben, denn niemand in Montalcino, außer vielleicht Elisabetta Gnudi von Altesino, öffnete sein Herz tiefer als Conte Cinzano. Zuerst zeigte er uns seine großen Ländereien (alleine 142 HA Weingärten, alle biologisch bewirtschaftet!), dann folgte eine Kellerführung (Botti, Botti und nochmals Botti - die Dimensionen des Kellers sind nicht zu beschreiben) mit Faßproben von 2012 bis 2014 und danach gab es im Verkostraum einen flight durch 9 Weine von Col d`Orcia, den wir bei Wein Nr.7, einem Brunello Riserva „Poggio al Vento” aus 2008 unterbrachen, als der Graf meinte es sei jetzt Zeit fürs Essen. Er packte alle Weine in eine Klima-Tasche und wir machten uns auf nach Sant`Angelo in Colle, wo wir im „Il Leccio”, der besten Trattoria der Region, bei einem mehrstündigen Festmahl das Interview weiter führten und ich tief in die Geschichte des Weinbaus von Montalcino eintauchen durfte. Ich verbeuge mich an dieser Stelle nochmals ganz tief vor Conte Cinzano und sende meinen Dank - was für ein toller und großzügiger Mensch!

Als wäre so ein Mittag/Nachmittag nicht ohenhin schon völlig ausreichend und schwer zu verinnerlichen, folgte um 19.00 die Eröffnungs-Party von Francesco Illy`s neuem Weinkeller auf seinem Anwesen „Podere Le Ripi” - und - davor kam noch ein Anruf von Jan Erbach, dass er uns kurzfristig auf seinem Demeter-Weingut „Pian dell`Orino” empfangen würde (hier ein Dank an Anton Pichler, dem Direktor der „Adler Thermae” in Bagno Vigoni, der den Kontakt hergestellt hatte). Dazu sollte man auch wissen, dass es in Montalcino rund 220 Weingüter gibt, die alle in einem Radius von ca. 50 km liegen, gut verstreut natürlich, der Großteil nur über unaspahltierte Berg-„Strassen” zu erreichen, und hier leistete unser Range Rover wirklich gute Dienste. Somit „flogen” wir um 18.00 zu Jan Erbach um nicht nur seiner Sicht der Dinge in Montalcino, sondern auch „Aftermath” von den Stones und „Harvest” von Neil Young zu lauschen die über eine supergeile Tonanlage auf noch viel geilerem Laufwerk von Vinyl abgespielt wurden. Dazu servierte uns Jan zuerst seine wunderschönen Brunello und dann einen seiner Lieblingsweine in weiß, einen Ribolla von Gravner aus Friuli.

Nachdem natürlich auch Jan zur Illy-Party geladen war „hängten” wir uns bei ihm an und zischten gen Süden. In Castelnuovo dell`Abate, die mystisch beleuchtete Abbazia Sant`Animo zu unserer Rechten, bogen wir wieder in einen Feldweg den wir einige km bergan folgten, bis wir in der Nähe des Guts „Mastrojanni” (das auch den Illy`s gehört) zum Parken angewiesen wurden. Hier erfolgte der Shuttle hinunter zur „Podere Le Ripi”, dem wir aber einen längeren Spaziergang vorzogen. Angekommen beim Keller dann das große Staunen. Mit 750.000 Ziegeln errichtete Illy mit seinem Sohn als ausführenden Architekten eine Kathedrale des Weins, in die ein schneckenförmiger Abgang führt, der zugleich als Flaschenlager, Fasslager usw. dient. Im Catering-Bereich mit großen Partyzelten offerierte Francesco seine gigantischen Weine (alleine schon sein „Rosso di Montalcino” reift 36 Monate in großen Fässern!) und der beste Fleischhauer Sienas richtete das Buffet aus ... natürlich war unter den 500 Gästen alles was in Montalcino und Siena Rang und Namen hatte vertreten - schlicht ein GRANDE CASINO der allerbesten Art.

Der Sonntag stand ganz im Zeichen des biologisch-dynamischen Weinbaus und seiner in Montalcino deswegen zuerst belächelten und jetzt überall geschätzten Fahnenträgerin - Stella di Campalto. Wieder cruisten wir von Canalicchio gen Süden über Castelnuovo dell`Abate hinaus bis kurz vor Castelo di Velona. Hier ging es steil bergab Richtung Orcia-Fluss, und nach wenigen hundert Metern war bereits die biodynamische Arbeitsweise in den Weingärten und Oliven-Hainen zu erkennen, wir waren in „Stella-Land”. Die sympatische Bio-Winzerin empfing uns herzlich und führte uns durch den wunderschönen Betrieb, wo wir im Keller, in dem nur mit Schwerkraft gearbeitet wird, Fassproben verschiedenster Weine bekamen - natürlich alle in Botti ausgebaut. Stella entscheidet erst nach ca 18 - 24 Monaten welches Fass ein Brunello wird und welches ein Rosso, das Ausgangsmaterial ist bei ihr immer das selbe - bester Sangiovese in „purezza”. Danach gab sie uns eine Vertikale durch „week years”, also ihre „schwächsten” Jahrgänge und wir bekamen Brunello 2002, 2005, 2008 und 2011, die für mich und auch für Renate allesamt einfach groß waren. Da wir nicht länger die Sonntagsruhe stören wollten und die Töchter hungrig vom Ausritt kamen (sie bearbeitet ihr Land mit den Pferden!) verabschiedeten wir uns, fuhren auf den Monte Amiata nach Poggio Rosa wo wir in der einfachen bäuerlichen Osteria Santa Caterine zum Niederknien gute Pinci mit Cinghiale genossen, bevor es um 17.00 zurück zum Interview mit Francesco Illy auf „Podere le Ripi” ging.

Der „Kaffee-Baron” steckte mitten in einer beginnenden Verkostung, wir durften einsteigen und bekamen nach der samstägigen Party nochmals große Augen und ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht gezaubert. „Amore e Folia” Syrah 2009, „Amore e Magia” Rosso (=Brunello) 2011, „Lupi e Sirene” Brunello Riserva 2010 und der sagenumwobene „Bonsai” Sangiovese 2011 taten ihr übriges. Auf meine Frage was der Name „Podere Le Ripi” denn bedeute sagte er einfach „kommt”, wir verließen den gemütlichen Kostraum und die Gesllschaft, stiegen in Francescos Mercedes G und er kletterte mit uns eine knappe Stunde durch enorm steile Weinberge, wo er uns nicht nur die Bonsai-Idee mit 66.000 Reben am Hektar näher brachte, seine Permakultur-Reben-Felder zeigte und einmal nur mit Mühe aus einer enorm tiefen Regen/Gatsch-Grube heraus kam, sondern dann anhielt um uns einen hunderte Meter langen und ca 40 Meter tiefen Geländeabbruch zu zeigen, den „Ripi” ... er meinte „das ist die Antwort”. Francesco Illy ist ein enorm interessanter Mensch und ich hoffe mit ihm weitere Gespräche führen zu können.

Völlig fertig vom ereignisreichen Tag krochen wir vom Süden Montalcinos wieder in den Norden nach Canalicchio.

Am Montag mussten wir nochmals zur Benvenuto um uns mit Lucia Fattoi für ein Interview zu koordinieren. Bereits um 10 Uhr morgens warteten am Einlass gut und gern 400 Menschen in einer langen Schlange, da der Sonntag und Montag auch für Vinothekare, Restaurants usw geöffnet ist, und diese ihre Freunde mitnehmen (darüber gab es große Diskussionen und die Winzer sind alles andere als glücklich, sie meinen diese beiden Tage seien zu einem öffentlichen Brunello-„Besäufnis” verkommen, und das Consorzio müsste sich dringend etwas überlegen). Mit unseren Gäste-Pässen kamen wir natürlich elegant vorbei und nutzten den noch „ruhigeren” Vormittag um weitere Brunellos zu kosten, bis uns das Geschiebe zu viel wurde und wir unseren Termin mit Franz Josef Loacker auf „Corte Pavone” ansteuerten. Das Bio-Weingut ist seit 1979 im Besitz der Südtiroler Familie und macht mustergültige Weine. Das Mitaggessen nahmen wir wieder bei „Il Leccio” ein, und es war erneut zum Weinen gut. Ein offen ausgeschenkter (!) Brunello „Le Gode” von 1997 und ein Brunello „Pertimali” 2010 zauberten zusätzlich zur grandiosen Mahlzeit ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht. Über „Stock und Stein” fuhren wir dann zu „Sesta di Sopra” um uns von Enrica zu verabschieden, und besuchten danach noch die Familie Fattoi. Dort endete der Tag bei einem Interview mit einer Verkostung von Riservas aus 2006, 2007, 2008 und 2010, alle Brunellos eine Wucht.

Bevor wir am Dienstag nach Venedig aufbrachen gab es noch einen letzten Einkaufs-Stop auf LE CHIUSE. Der kleine Spitzenbetrieb gehörte füher zu Biondi Santis GREPPO, und genau von hier kam das beste Traubenmaterial für die legendären Riservas! Danach mussten noch einige Kisten des supergünstigen PIAN DELLE QUERCIS ins Auto gezwängt werden und nach einem mit Laura Brunelli vereinbarten Mittags-Stop in ihrer Kult-Osteria LE LOGGE in Siena samt Kellerführung ließen wir die Toskana Richtung Lagune hinter uns

DANKE MONTALCINO! Bis August ....


 

 

Neueste Kommentare

23.08 | 21:30

Gratuliere!! Allesamt wunderbare Weine!

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28.06 | 13:15

Mein Lieblings-Weingut ist Fattoi. Super schöner Brunello und super nette Leute. Im Oktober bin ich wieder da.

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28.06 | 13:12

Hallo Hasi,
ich habe unser Womo wieder mit Vino vollgeladen.30 Kisten v. Baricci,Le Potazzine,Piccolomini,Ten.di Sesta,Fattoi,Lisini,Biondi Santi+Poggio di Sott

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26.05 | 14:16

Das ist es wohl: das Leben voll auskosten, weil es durch nichts anderes ersetzt werden kann. Hingabe an das Schöne, der Brunello als Gottesbeweis für Agnostiker

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